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CB-Standpunkte
26.01.2016
CB-Standpunkte
Sylvia Schenk: Compliance im Sport – trübe Aussichten für 2016?

Der traditionelle Jahresrückblick auf den Sportseiten deutscher Zeitungen handelte 2015 mehr von Missetaten der Funktionäre als von sportlichen Höhepunkten. Die Defizite der Sportführung national und international stellten die Leistungen von Athletinnen und Athleten, aber auch von tausenden Ehrenamtlichen in den Sportvereinen, z. B. bei der Betreuung und Integration von Flüchtlingen, in den Schatten. Das Scheitern des Referendums zur Olympiabewerbung Hamburgs bestätigte das Misstrauen in die positiven Wirkungen des Sports. Es hat sich einiges angehäuft im vergangenen Jahr: Spektakuläre Verhaftungen von Fußball-Funktionären in einem Luxushotel in Zürich, Europäische Spiele in Baku einhergehend mit Menschenrechtsverletzungen gegenüber Andersdenkenden und Einreiseverboten für kritische Journalisten, Aufdeckung korruptiver Vertuschung von – in Russland quasi staatlich akzeptierten – Dopingfällen im Internationalen Leichtathletik-Verband IAAF und dann auch noch die Zweifel, ob wir Deutschen unser Sommermärchen 2006 im ehrlichen Wettstreit erkämpft oder womöglich gekauft haben. Soviel Krise war noch nie im Sport.

Gelingt es den Verantwortlichen, diese Ausgangssituation im neuen Jahr als Chance zur Umkehr zu nutzen? Eine große Herausforderung, denn die internationalen Sportorganisationen mit ihrer Verbandsstruktur, der engen Verquickung mit Politik, Wirtschaft und Medien, einer Geschenke- und Einladungs-Kultur par excellence sowie der Attitüde, man setze sich für das Gute ein und sei deshalb unangreifbar, lassen sich nicht von heute auf morgen grundlegend ändern. Hinzu kommt, dass viele Journalisten dem Sport lange Zeit eher unkritisch gegenüberstanden und jetzt in ihrer Enttäuschung – auch um jahrelange Selbsttäuschung zu überspielen – alles in Grund und Boden verdammen. Sie übersehen, dass Politik, Wirtschaft und die Medien selber erst allmählich beginnen, konsequent gegen Interessenkonflikte und Korruption in den eigenen Reihen vorzugehen. Der Sport hinkt allenfalls hinterher, verkörpert aber nicht das Böse schlechthin. Im Falle der FIFA sind es Politiker oder Wirtschaftsbosse und sogar ein Verfassungsrichter, die als Fußball-Repräsentanten ins Visier des FBI geraten sind, hinzu kommen US-amerikanische Firmen, deren Manager Sportfunktionäre vorrangig aus Südamerika bestochen haben.

Die Unzulänglichkeiten in anderen gesellschaftlichen Bereichen mindern die Verantwortung der Sportorganisationen aber nicht – inzwischen sollte auch der letzte Funktionär verstanden haben, dass Sport nicht per se edel und gut ist, sondern besondere Risiken beinhaltet. Mit anderen Worten: Compliance im Sport ist gefragt – und dafür stehen die Aussichten 2016 gar nicht so schlecht. Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat eine Compliance-Funktion geschaffen und arbeitet die weitreichenden Reformvorschläge der Agenda 2020 ab. Zwar geht manches arg langsam voran, aber die Richtung stimmt, insbesondere was den möglichen Einfluss auf die internationalen Sportverbände und Nationalen Olympischen Komitees betrifft. Auch globale Sponsoren, z. B. Coca-Cola, Visa, McDonald’s und adidas bei der FIFA, machen öffentlich Druck. Diese Sprache wird weltweit noch am ehesten verstanden, denn wenn es ans Geld geht, wird es kritisch.

Von dieser Einsicht geleitet hat ein Reform-Komitee für die FIFA Änderungen der Governance und in den Strukturen vorbereitet. Dabei sind die Regelungen im Einzelnen nicht so entscheidend wie das vorangestellte Eingeständnis: Die unakzeptablen Fehler der Vergangenheit können nicht nur einigen wenigen in der FIFA angelastet werden, sondern verlangen einen grundlegenden kulturellen Wandel mit einer neuen Machtbalance einschließlich einer Frauenquote. Eine Zustimmung der 209 Delegierten des FIFA-Kongresses am 26.2.2016 zu dieser Vorgabe für den neuen Präsidenten wäre zumindest eine Weichenstellung. Fortdauernde öffentliche Begleitung dieses Prozesses wird aber unerlässlich sein, um die konkrete Umsetzung sicher zu stellen.

Und national? Auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) täte gut daran, sich nach der Hamburger Bewerbungs-Niederlage strategisch neu aufzustellen. Dazu gehören eine offene Debattenkultur sowie ein funktionierendes Good Governance-System, zudem inhaltliche und personelle Impulse für die internationale Entwicklung, ohne – das lehrt uns die Diskussion um das Sommermärchen 2006 – dabei als Lehrmeister aufzutreten. Integrität in der Führung des Sports ist ein langfristiges, weltweites Projekt, das allseits nur mit Demut, so wie sie sich die FIFA jetzt verordnen will, angegangen werden kann.

Sylvia Schenk, Olympiateilnehmerin 1972, ist RAin in Frankfurt a. M. und seit 2014 ehrenamtlich Leiterin der Arbeitsgruppe Sport von Transparency International Deutschland. Sie gehört dem Vorstand der Deutschen Olympischen Akademie sowie dem Beirat für Integrität und Unternehmensverantwortung der Daimler AG an.

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